Der Musiker

Jiddisch / Yidishkayt

…..halblaut beginnt er, vor sich hin zu summen: ojfn vejg stejt a bojm.

das lied hat ihn jahrelang beschäftigt. schon als er es zum ersten mal hörte, ohne den text zu verstehen, hakte es sich in seinem herzen ein.
er spielte die casette so oft, bis seine frau und er die melodie gemeinsam singen konnten und viel später stieß er endlich auf den geschriebenen text mit übersetzung. er grübelte ein weiteres jahr über die bedeutung des traurig-schönen bildes von dem kind, das ein vogerl werden will, aber die geliebte, besorgte mutter zieht ihm zuviel an, und so wird es zu schwer zum fliegen.

erich flider [er-ich = Hans] spürt, daß in diesem lied sein ganzes leid einen ausdruck hat, das ganze leid der welt, das in ihm wiederhallt. seine frau beginnt, ein buch über frühkindliche störung der gefühlsentwicklung durch zu arbeiten. wenn die kinder schlafen, auf autofahrten, ackern sich die beiden gemeinsam durch einige fremdwort-gespickte abschnitte und tauschen gedanken aus. bis ihm langsam die zusammenhänge aufdämmern. und das lied. immer wieder dieses lied, war das die trauerarbeit?

dieser ausdruck, den er von früher nicht kannte, bekam einen sinn jetzt für ihn. jiddisch ist die sprache des herzens, hatte er wo gelesen, und mit einem freund versucht, den text im dialekt nachzudichten.

jetzt singt er vor sich hin….

 

 

ojfn vejg stejt a bojm

ojfn vejg stejt a bojm,stejt er ajngebojgn
ale fegel fun dem bojm senen sich farflojgn
tswej kajn misrach, draj kajn marev und der rest kajn dorem
und der bojm gelost alejn hefker far dem storem
sog ich tsu majn mamen harz : solst mir nor nit steren
wel ich, mame, ajns und tswej, mir a foigl wern
ich wel sitsn ojfn bojm und wel im farvign
ibern winter ihm a trest mit a schejnem nign

jam daridari daridaridari daridaridari daridaridam

sogt di mame tsu dem kind und si wejnt mit treren
kenst cholile ojfn bojm mir farfroiren wern
sog ich : mame, is a schot, dajne schejnen ojgn
ejder wer, ejder wos, wer ich mir a fojgl
sogt di mame itzig-krojn, sej, um g’tes willen,
nem chotsch mit a schalikl, sollst sich nit farkiln,
di galoschn nemt sich mit, s gejt a scharfer winter
und die kutschme ojfn kop, wej is mir und wind mir

jam daridari….

und dos winterlajbl nem, to es on, du schojte,
ob du wilst nicht sejn kajn gast zwischn al di tojte.
hejb di fligl, s wet mir schwer, tsufil, tsufil sachn
hot di mame ongeton dos fejgele, dem schwachen
kuk ich trojrik mir arajn in di mames ojgn
s hot ir libschaft nit gelost wern mir a fojgl
ojn vejg stejt a bojm, stejt er ajngebojgn
ale fejgl fun dem bojm senen sich tserflojgn

jam daridari………

aufn weg sted a bahm

aufn weg sted a bahm, sted do gaunz fabogn
olle fegl von dem bahm san scho wega gflogn
drei noch ostn, zwa noch westn und da rest noch südn
hobn den bahm alanich lossn, fua dem stuam, dem wüden
sog i zu da mama, gö, tuast mi eh ned stehrn
weil dann wer i ans, zwa, drei, schnö a vogl wern
i wer sitzn aufn bahm, schene liada singan
übern winter trestn eahm, lang, und warm umschlingen.

jam daridari…..

sogt di mama zu dem kind, tränan in di augn,
so dafriast do auf dem bahm, bua des kaunst ma glaubn
bitte, mama, waan do ned, deine schenan augn,
glei bin i a vogal wuan, [so] schnö kaunsd goa ned schaugn.
sogt di mama : klana spotz, schau, um gotas wühn,
nim da to a tiachl um, soist di ned fakühn,
di galoschn nimmst da mid, aufn kopf de pöhzhaubn,
eisig schneidt da ostwind her, d’angst schniat ma mei heaz zaum

jam daridari……

und des wintaleibal nim, do, schlupf eine, toikal
weu du wühst do no ned steam, woat, do host a groikal.
hoid di fligln, weama schwea, zu füh, zu füh sochn
hot di mama ummadaun dem fegale, dem schwochn.
traurig schau i d’mama au, tiaf in ihre augn
ihre liab hot schwea mi gmocht, fligln, wos nix taugen.
aufn weg sted a bahm, sted do gaunz fabogn,
ole fegln fon dem bahm haum se längst faflogn

am abend sollte erich [er-ich = Hans] finden, was er nicht gesucht hatte. es stellte sich heraus, daß sein finnischer freund yukka ziehharmonika spielte. ertat es in der dunklen, schwermütigen weise der russischen melodien. bald fanden sie einige lieder, bei denen er erich begleiten konnte. und dann sang er erich ein lied vor, dessen deutschen dialekt er nicht ganz verstand. er habe es von der cassette, die ein deutscher, der hier in der nähe auch auf einem alternativen bauernhof lebte, erst kürzlich von der BRD geschickt bekommen habe.
– es seien lieder von juden.

die deutsche gruppe, die sie spielte, heiße zupfgeigen-hansel. ja doch, von denen kannte erich einen haufen aufmüpfiger alter volkslieder. doch jetzt singt er in finnland zum ersten mal ein jiddisches lied. und yukka lehrt ihn das tempo des refrains langsam zu steigern, wie eine alte eisenbahn, die gerade aus dem bahnhof keucht, schwarze dampfwolken in den blauen himmel schiebend..

sehr gemischt waren die gefühle, die in erich [er-ich = Hans] aufstiegen, als er die ‚tsen bridr‘ mit seinem finnischen freund einlernte, geradezu verwirrend. sowohl die sprache, der inhalt, als auch die musik erzeugten ein stimmungsbild, das in seinem herzen eine überwältigende resonanz hervorrief. schnell erfaßte ihn ein starkes bedürfnis, dieses lied möglichst bald perfekt singen zu können.

mehr solche lieder wollte er (kennen) lernen. wenn er auch noch überhaupt nichts darüber wußte, so spürte er bereits aus diesem einen lied, daß er es hier nicht mit einem verwortakeltem deutsch zu tun hatte. nein, er hatte sein erstes stück einer verborgenen kultur entdeckt, die seine seele zum schwingen brachte.

dem entgegen standen starke hemmungen, diese wörter überhaupt auszusprechen. wir österreicher sind ja dafür bekannt, daß wir -sehr im unterschied zu anderen völkern- immer krampfhaft bemüht sind, ausländische wörter richtig auszusprechen. also so, wie sie in der sprache, aus der sie kommen, ausgesprochen werden. ein franzose etwa, oder ein tscheche, macht sich da kein kopfzerbrechen. er liest die wörter vom blatt, so wie sie in seiner sprache ausgesprochen würden. ob es russische, französische oder spanische liedertexte waren, erich wollte sie möglichst korrekt bringen. doch hier kam ihm eine falsche aussprache fast wie eine mißachtung der toten und verfolgten des ostjudentums vor.

daneben spürte er auch eine enorme scheu, das wort ‚jude‘, ‚jud‘ oder ‚jidn‘ überhaupt in den mund zu nehmen. er drückte sich davor, wenn es später in liedern vorkam und brachte es so undeutlich heraus, wie möglich. war es nicht hitler, der seinen vater erst zu einem ‚juden‘ gemacht hatte? wen hätte diese tatsache ohne die verfolgung jemals interessiert?  was war überhaupt ein jude? viele gläubige juden, aber vielleicht auch andere, würden ihn ablehnen. ihn, der keine jüdische mutter hatte und nicht nach der hallacha lebte. sie würden sich fragen, was schmückt er sich mit fremden perlen? reichen ihm seine eigenen zorres nicht?

wenn er als kind auch nie darüber nachdachte, so prägte es sich ihm doch zutiefst ein, daß sein vater robert [Georg] das wort ‚jude‘ tunlichst umging (im unterschied zu: jüdisch). er sprach es nicht gern aus und wenn er es tat, so senkte er bei diesem einen wort die stimme und sprach es undeutlich aus, als ob es nicht gehört werden sollte. war es, weil die nazis dieses wort so überstrapaziert hatten?

robert war ja 1938 als kommunist ins ausland gegangen und hatte erst jahre später kapiert, daß die rassische verfolgung die viel ernstere bedrohung für sein leben darstellte. erst jetzt, im april 1996, wird erich die ganze tragische wahrheit bewußt: dieses volk, diese österreicher, haben erst vor kurzem versucht, uns juden auszurotten. da ist es besser, man weiß es nicht, daß man jude ist. zumindest nicht so genau. und wenn man es weiß, besser, es nicht laut zu denken. uns auszurotten, die wir teil dieses volkes waren. waren und sind. brüder und schwestern, verwandte, angeheiratete, ganz normale mitbürger dieser ‚arischen‘ mehrheit. aus der man genauso, nach eingehendem studium der standesregister, etwa die ‚hunnen‘ selektionieren hätte können. oder die : ladiener, trientiener, böhmen, slowaken, galizier, kroaten, slowenen oder kelten, oder langoparden oder gothen,…

das wird auch der grund sein, daß erich sich zwar immer als österreicher gefühlt hat, doch nie so richtig ganz. dieses heimat-gefühl, wie er es bei freunden erlebte, war ihm ziemlich fremd: er fühlt sich in vielen gegenden zu hause und sicher gibt es noch viele weitere, in denen so ein gefühl bei ihm relativ schnell entstehen könnte. am ehesten trifft für ihn zu, wie sich wolf biermann die frage ‚heimat: was ist das‘ in einem lied beantwortet:

h e i m a t – d a s i s t d o c h d o r t ,
w o d i c h , m e i n f r e u n d , i c h f i n d ,
u n d w o g e n o s s e n s i n d .

g e n o s s e n – w a s i s t d a s ?

immer schon hab ich viel gesungen, so ziemlich täglich. Zuerst mit der Mama. Sie begann stets mit „Die Gedanken sind frei“. Dann kamen Arbeiterlieder, Jodler, Schubert-Lieder, alte Volkslieder oder auch Weihnachtslieder an die Reihe.

Als ich die Schäferei begann, konnte ich so cirka dreihundert Lieder auswendig. Die ersten Jahre sang ich viele freie Improvisationen für die Schafe. Beginnend mit einer Doina aus rumänisch, serbisch, griechischen Klängen und dann rhythmisch einschwenken auf eine Hora mit Trauer und Freude, Osteuropa klang aus mir, wie ich es als Kind auf ungarischen, rumänischen, bulgarischen und russischen Schallplatten gehört hatte.

Und je mehr jiddische Lieder ich fand, desto mehr kleine Zettel nahm ich in der Brusttasche meines Hemds mit zum Hüten voll mit den verkleinerten transkribierten Texten, kopiert aus Musik-Kasetten-Beipack-Blättern und von LP-Hüllen.

Bis zur Jahrtausendwende konnte ich 150 jiddische Lieder auswendig, mit allen Strophen und manchmal waren das so viele, wie die Kinder der Orthodoxen.. Mein Vokabular wuchs mit jedem Lied.

In Kanada lernte ich schließlich, wie man im Jiddischen Sätze bildet und begann eigene jidische Lieder zu schreiben und zu komponieren. Weder kann ich Ojsjes, die hebräischen Buchstaben, mit welchen Jiddisch geschrieben wird, noch kann ich Noten lesen und schreiben. Doch all das hielt mich nicht ab. Ich verspürte diesen Drang in mir, hatte – nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1968 – eine neue Aufgabe gefunden. 2005 verfasste ich „Oyfn barg“, mein jiddisches „In die Berg‘ bin i gern“, während der ersten Alm-Stunden auf dem Zirbitzkogel.

Erst als auch das letzte Lamm mit „oy“ statt „mäh“ nach der Mutter rief, beschloss ich, auch wieder Lieder auf Deutsch zu singen.